Gastbeitrag von Daniel Meyer, Moderator bei Radio Q.

Fair Radio LogoLetzten Montag habe ich mir ein Stunde Zeit erkauft. Indem ich die Campuscharts moderiert habe. Und zwar zwischen  17 und 18 Uhr.

"19 Uhr - die Campuscharts ..." habe ich im Opener gesagt. Dann hab ich die Aufzeichnung zu 19 Uhr in die Sendeautomatik eingeplant. Punkt 19 Uhr, als ich gerade den Sender verlassen wollte, hörte ich mich aus den Boxen sagen "19 Uhr - die Campuscharts bei Radio Q, ich bin Daniel Meyer..."

Das war seltsam und... das hörte auch meine Freundin "live" in ihrem Küchenradio und schaltete den Herd ab. Als ich 15 Minuten später bei ihr ankam, Stand auf dem Herd ein kalt gewordenes Abendessen und an der Tür erwartete mich meine verwirrte und leicht angesäuerte Freundin.

Ich habe auch schonmal einen Kollegen begrüßt und dann auf einen Knopf gedrückt, damit er "Guten Morgen!" sagt, denn er war nicht im Studio und seine Antworten hatte er am Vorabend aufgezeichnet. Diesmal ist kein Essen kalt geworden, seltsam war es trotzdem.

Es ist relativ leicht im Radio nur so zu tun, als ob. "Das hat sich "wie live" angehört." Manchmal sagt man sich das und meint es als Kompliment. Irgendwo zwischen diesen beiden Beispielen befindet sich die Line, der sich fair radio widmet. Dem schmalen Grad zwischen Bequemlichkeit und Hörer-Verarsche.

Mehr Infos und Beispiele gibt es auf fair-radio.net.

Der Tutzinger Appell an ein faires Radiomachen.

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Der Moderator ist das letzte Glied in der Kette in der Radioproduktion. Er muss die Musik mit dem Inhalten verbinden und diese richtig an die Zielgruppe kommunizieren. Die folgenden Tipps wurden aus eigener Erfahrung und dem Buch "Das wundervolle Radiobuch: Moderne Moderation im Radio - Persönlichkeit, Kommunikation, Motivation" von Patrick Lynen zusammengetragen.

Voraussetzungen eines Moderators

  • Allgemeinbildung, Lernhunger/Lesehunger
  • Menschenkenntnis, Humor
  • feste und ausgeprägte Charaktereigenschaften
  • moderne Einstellung/Sichtweise/Sprache

Was muss ich über meinen Hörer wissen?

  • Deine Moderation richtet sich immer an einen individuellen Hörer
  • Du sprichst nie zu einem Mikrophon, sondern zu einem Menschen
  • Das Mikrophon ist das Ohr des Hörers (also nie reinbrüllen!)
  • Du bist Gast im Wohnzimmer/Auto/Kinderzimmer deines Hörers
  • Radio ist Begleitmedium
  • Der Hörer erwartet von dir „Infotainment“(Infos/Unterhaltung), d.h. alle Informationen müssen richtig sein!
  • Die ersten 10 sec. entscheiden darüber, ob dir jemand zuhört oder gleich für immer abschaltet. Du bekommst keine 2. Chance!

Wie moderiere ich (Theorie)?

  • Sei du selbst, authentisch, selbstsicher. Verstell dich nicht!!
  • Sei kein Clown (was nicht heißt, dass kein Scherz auf deine Kosten gemacht werden soll/du machst); halt auch mal den Mund
  • Rede immer so, als säße ein Kumpel neben dir, dem du das Thema jetzt erzählst
  • Dein Stimme muss nicht perfekt sein, aber sie reflektiert deine Einstellung (Authentische gute Laune ist ein Muss)
  • Deine Stimme muss freundlich klingen. Jemand, der ins Mikro lächelt, klingt freundlich, natürlich hat man auch mal schlechte Laune, aber die Kunst besteht darin, sich das nicht anmerken zu lassen.
  • Sprich ohne Hast und normal, keine Schachtelsätze, keine Fremdworte / Klugscheißerei, keine Insider-Witze
  • Sprich mit Struktur (Radio ist kein Buch, in dem man nochmal zurückblättern kann)
  • Sprache im Rundfunk ist direkt (Aktiv), umgangssprachlich, aber nie vulgär, sondern immer freundlich, locker und angemessen emotional (Selbstdarsteller sind hier nicht gefragt)
  • Sprich lebendig, spannend und bildhaft (sonst kann sich kein Mensch vorstellen, was du meinst)
  • 10-12 Worte pro Satz, Nebensätze vermeiden (in der Kürze liegt die Würze)
  • Setz deine Stimme richtig ein: Dramaturgie, Tempo, Stimmlage, Lautstärke, Timing
  • Die letzten Worte einer Moderation bleiben immer im Gedächtnis.

Ansprechhaltungen

Wenn du zu laut redest (es im Kopfhörer knistert), dann ist dein Kopfhörer zu leise bzw. du bist für ausdrucksstarke Moderationen zu nah am Mikro!

  • Intim: sanft, wird bei Geheimnissen und Sex verwendet (bitte nicht oft anwenden, oder habt ihr mit eurem Hörer Sex?! ;-) )
  • Öffentlich: Sprechen zu einer großen Menge, „Plärrer-Sprache“ (bitte nicht oft anwenden, sonst seid ihr als Schreihals verschrien)
  • Persönlich: normale Sprechweise (mit Freunden, Verwandten etc.), im Radio wird sie am meisten verwendet

Wie moderiere ich (Praxis)?

  • Verwende keine unsinnigen Superlative („die optimalste Lösung“)
  • Moderiere mit deinen eigenen Worten, Rede Deutsch
  • Moderiert wird im Aktiv (kurz, konkret, hörernah)
  • In der Moderation haben Worte wie können, müssen, dürfen, vielleicht, eigentlich, ….. nichts verloren (sei direkt, aber nicht unhöflich)
  • Verwende keine blödsinnigen Phrasen („Toller Mann, wunderschöner Song, blablablabla.“ „Wir haben uns vor Ort mal umgehört……“), falschen Metaphern („Deutschlands Autokonzerne spüren Sand im Getriebe“), sprachlicher Unfug („gezielte Maßnahmen“, „forderte des Unglück“, „sichtbares Zeichen setzen“,…..)
  • Transportiere Inhalt, kein Rumgegrütze („Und wieder hat eine neue Woche begonnen. Super, dass sie dabei sind, blabla grützgrütz“)
  • Ein Thema, eine Moderation
  • Wichtige Begriffe wiederholen, deine Erfahrungen/Sichtweisen mit einbringen, Zahlen verständlich machen
  • Setze nichts voraus
  • Keine frauenfeindlichen Anspielungen/Witze
  • Wenn du nichts zu sagen hast, dann lass es (In doubt – let out)

Moderationsarten

  • 3-Element-Break: 3 Elemente (Station-ID, Slogan, Sendung)
    Beispiel: Das ist die Neue von den Sugababes. Push The Button. (Interpret/Titel) Hier in der Bayern 3-MorningShow (ID). Es ist zwölf Minuten nach sieben (Zeit)
  • Linear: „Leadsatz“, ergänzende Infos, Fokus, Überleitung zu einem Beitrag
    Beispiel: Der Schulfasching soll der größte seit Jahren werden. Er steht unter dem Motto: „Lustig ist das Schülerschleifen“. Schon jetzt haben sich mehr als 20 Gruppen dafür angemeldet. Sie wollen am Faschingsdienstag mit Motivwagen vor unserer Schule vorfahren. Bis dahin wird an dem Wagen gebastelt (Beitrag)…
  • Analog: Vergleich, entfernte Situation wird in unser Umfeld projeziert
    Beispiel: Beispiel Arbeitsbedingungen: Hier bietet sich ein Vergleich Deutschland/China an. Oder ein Bild: Weihnachten - Kinderaugen leuchten - Buben und Mädchen spielen glücklich mit ihren neuen Spielzeugen - fast allesamt Made in China - dort hat die Produktion wenig mit Freude und Weihnachten gemeinsam - die Arbeiter schuften oft bis an die Grenze des Machbaren.
  • Quereinstieg: Moderator erfindet eine Geschichte, schlägt im letzten Satz um (Vorsicht schwer!)
  • Aufziehende Moderation: beginnt mit knalligem Zitat, witziger Bemerkung, provokativer These, O-Ton, danach Infos/Beitrag
    Beispiel: Ungeziefer-Alarm an unserer Schule! Flöhe, Läuse und Maden sind die Hauptrollen im neuen Musical „Das große Krabbeln“, das der Unterstufenchor dieses Jahr einstudiert. Susanne hat beim Casting zugeschaut.
  • Das wichtigste bei jeder Moderation: Lüge nie. Wenn du nicht Bescheid weißt, sei ruhig!

Tipps von John Ment

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